Balenciaga x Rammstein: „Krassester Move ever für eine Metalband“

Die wollen doch nur provozieren! Ist ja keiner gezwungen, das Zeug zu kaufen! Geniale PR-Aktion! Solche Kommentare liest man gerade zuhauf zum neusten Coup von Rammstein. Alles davon stimmt. Und doch kann ich den Würgereiz kaum unterdrücken.

 
Die deutschen Metal-Titanen kuratieren aktuell eine Playlist auf Apple Music für die französische Luxusmarke Balenciaga. Begleitend dazu wurde eine Mini-Kollektion mit Bandmerch veröffentlicht. Auf den Bildern zur Aktion sieht man Fans, die in ihren mit Rammstein Merchandise ausgelegten, ärmlich-vollgestopften Zimmern in den neuen Klamotten posieren. Um sie herum Flaggen, Poster, Tonträger oder Plastikbecher mit Bandlogos. Eine ganz normale Sammlung von Die-Hard-Fans. Außer dem kleinen Detail, welches man auf den ersten Blick nicht sieht: die Preise. 
 
500 € möchte man für ein Shirt. Nein, das ist kein Tippfehler. Immerhin wurde das Motiv darauf vom Hyperrealisten Gottfried Helnwein entworfen. Für eine Bauchtasche mit Logo der Band und Marke werden 650 € veranschlagt. Den Rucksack gibt es für 995 €. Ein Polyester-Poncho im Müllsack-Look kostet 1790 €. Keine Pointe. 
 
Nun sind Rammstein für ihre Provokationen bestens bekannt. Sie machen neben der unverwechselbaren Musik einen Großteil ihres Reizes aus. Und auch diesmal wittert man einen PR-Coup. Entsprechend zahlt auch dieser Text auf das Kalkül der Bandmanager drauf. Als Fan möchte ich trotzdem darüber sprechen. 
 
Eine Münchener Metalcore-Band kommentierte unter dem entsprechenden Rammstein-Post: „Krassester Move ever für eine Metalband. Das zeigt ganz klar, dass nicht nur Rapper die Chance haben mit solchen Brands zu arbeiten. Preislich sicher ne Ansage aber das Zeichen was da in den Markt gesendet wird ist halt brutal [sic].“ Das ist die Aussage ebenfalls. Das wünscht man sich anno 2021 also als Rocker: Eine Kooperation mit Luxusbrands, bei denen der Zusammenhang zwischen Preis und Leistung dermaßen pervertiert ist, dass man ausdrücklich erwähnen muss, dass das Ganze kein Witz ist? Da die besagte Band unter dem Namen „Glamour & Gloom“ tourt, mag das sogar zutreffen. Ich jedenfalls hatte stets eine andere Vision für die Metalmusik. 
 
Screenshot von Rammstein Merchandise für die Marke Balenciaga

Ich bin nicht provoziert – Ich bin angewidert

Natürlich wird das Kalkül aufgehen. Offenbar ist ein Großteil der Artikel bereits ausverkauft und auch im Internet wird „Rammstein x Balenciaga“ aktuell ordentlich trenden. Es stimmt auch: Die lächerlichen Preise muss keiner bezahlen. Wobei – wann hat man Sammelstücke jemals wirklich kaufen müssen? Hier schafft das verknappte Angebot stets das Begehren. Und doch werden einige Menschen die horrenden Summen dafür ausgeben, obwohl sie es sich eigentlich nicht leisten können. Genau darauf setzt die Inszenierung. Einfache Fans, Sammler, die nun auch diesen Plastikmüll unbedingt haben müssen. So funktioniert der Sammeltrieb – er ist selten rational. Soll das die Message der Band in Zeiten einer globalen Pandemie sein: Artikel, die sich kein normaler wird leisten können und wollen?
 
Und wenn es nicht der sammelsüchtige Fan ist, werden sich reiche Modefreaks die limitierten Stücke sichern. Ich sehe sie vor meinem geistigen Auge schon beim Brunch und Champagner über die gescheiterte Beziehung von Till Lindemann und Sophia Thomalla sinnieren. Damit wird der Name der Band zu einem ähnlichen Accessoire, wie es ihr Frontman längst ist, wenn er sich gegen Bezahlung auf Partys russischer Oligarchen einfliegen lässt, um dort als exotisches Selfie-Motiv herumgereicht zu werden. 
 
Ich habe nichts gegen Kommerz im Musikbusiness. Rammstein haben sich ihren Status hart erarbeitet und ich gönne ihnen jeden Erfolg – auch den finanziellen. Doch den haben sie längst. Innerhalb weniger Minuten verkaufen sie Stadien aus. Ihre Alben stürmen auf Anhieb die Charts. Das Geld aus der Balenciaga Kollektion kann ihnen egal sein und ist es mit Sicherheit auch. 
 
Worum geht es also hier? Will man die Band als Luxusbrand für die Reichen und Schönen etablieren? Wohl kaum. Ist es PR durch Provokation? Möglich. Diese ist jedoch so geschmacklos wie die Artikel der Mini-Kollektion selbst. Während Till Lindemann „aus Versehen“ Geld an einen Neonazi spendet, fände ich eine Provokation wie ein Shirtmotiv mit Gregor Gysi, Seawatch oder Greta Thunberg deutlich cleverer. Das würde bei den üblichen Verdächtigen für noch mehr Empörung – und damit mehr PR – sorgen, als die überteuerten Luxusfummel es jemals vermögen. 

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